| Aneurysma |
Frau
Witt-Weller
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| 22.05.2008 |
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Logopädische
Therapie mit Herrn Distler
Berlin,
18.5.2008 |
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| Anamnese
und Diagnostik |
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Herr
Distler kam am 31.3.2006
zu mir in die logopädische Therapie. Mein Name ist
Doris Witt-Weller und ich arbeite in der logopädischen
Praxis Sandhöfner und Krause in der Turmstrasse in
Berlin, Moabit.
Herr
Distler wurde beim ersten Treffen begleitet von seiner
Frau und seiner kleinen Tochter, die damals noch nicht
laufen konnte und im Kinderwagen saß.
Im
Erstgespräch, das er allein mit mir führte, erzählte
er mir, dass er aufgrund eines geplatzten Aneurysmas am
11.8.05 einen Schlaganfall gehabt habe, der auch einen
schweren Fahrradsturz mit Unterschenkelfraktur zur Folge
gehabt habe.
Seitdem
sei das rechte Gesichtsfeld eingeschränkt, er habe
Probleme mit der rechts/links Wahrnehmung und die
Sprache sei massiv betroffen.
An
die ersten 5 Wochen seines etwa halbjährigen
Klinikaufenthaltes habe er kaum noch eine Erinnerung.
Dort habe er logopädische Therapie bekommen und
anschließend in der ambulanten Rehabilitation etwa 4
bis 5 mal pro Woche für 30 Minuten Sprachtherapie
gehabt.
Seitdem
führe er täglich den Kampf um das Sprechen Lernen.
All
diese Informationen konnte er mir in flüssiger Sprache
mitteilen. Manchmal, wenn ihm ein Wort nicht einfiel,
benutzte er
passende Umschreibungen, so dass es dem Zuhörer, vor
allem dem, der ihn nicht vor dem Schlaganfall hatte
sprechen hören, nicht auffiel, dass Herr Distler mit
der Sprache rang.
Nach
eigenem Erleben konnte er am Anfang gar nicht sprechen,
jetzt gehe es zunehmend besser. Das Lesen gehe so gut
wie gar nicht, nur kleine Sätze. Generell habe er beim
Lesen Probleme mit dem ABC, manche Sätze könne er gut
lesen, andere gar nicht. Zum Beispiel habe er Probleme
damit, Artikel zu erlesen.
Aus
seinem Privatleben erfuhr ich, dass er Informatiker im
Bereich Wahrnehmung und Forschung gewesen sei, dass er
selbständig in seiner Firma gearbeitet habe. Er selbst
bezeichnete sich als workoholic, der seit Jahren mit
etwa 4 Stunden Schlaf ausgekommen sei, da er so viel
gearbeitet habe, was ihm
stets großen Spaß gemacht habe.
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| 24.05.2008 |
| Logopädische Therapie |
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Nach
diesen ersten Informationen trafen wir uns zwei mal pro
Woche für 45 Minuten zur logopädischen Therapie.
In
den ersten Stunden führte ich den Aachener Aphasietest
durch, um mir selbst ein Bild von den bestehenden
Defiziten auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen zu
machen.
Bei
dem AAT handelt es sich um einen standardisierten Test.
Bei Herrn Distler ergaben die Untersuchungen seiner
Sprache eine Anamnestische Aphasie, was die schwächste
Form einer Sprachstörung bedeutet und man in der
Umgangssprache von kleinen, wenig auffälligen oder den
Alltag kaum behindernden Sprachstörungen sprechen
könnte.
Beim
Nachsprechen von Lauten, Wörtern und Sätzen, sowie
beim Benennen einzelner Gegenstände bis hin zu
Situationsbildern zeigte Herr Distler keine/minimale
Störungen.
Beim
Sprachverständnis traten leichte Störungen auf, das
heißt, bei komplexeren Zusammenhängen konnte er die
Wort- der Satzbedeutungen nicht immer eindeutig zuordnen.
Am
schwersten betroffen war der Bereich Schriftsprache, da
waren Herr Distlers Fähigkeiten nach der Norm an der
Grenze zwischen mittlerer bis zur leichteren Störung.
Das
kam darin zum Ausdruck, dass er beispielsweise
vorgegebene Dinge als Wort aus dem Gedächtnis zwar
buchstabieren konnte, aber nicht in der Lage war, die
passenden Buchstaben entweder zu finden oder in der
richtigen Reihenfolge aufzuschreiben, bzw. die richtige
Reihenfolge im Gedächtnis zu behalten.
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| 26.05.2008 |
| Inhalte
der Therapie |
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Nachdem
ich den Test ausgewertet hatte, setzten wir uns zusammen
und sprachen gemeinsam ab, welche Ziele wir in der
Therapie verfolgen wollten.
Herrn
Distlers größter Wunsch
war es, wieder Schreiben und Lesen zu lernen, vor
allem im Hinblick darauf, seiner Tochter später
vorlesen zu können.
Dieses
Ziel hatte er vor Augen und war fest entschlossen, hart
dafür zu arbeiten, dies auch zu erreichen. Und die
Arbeit begann...
Geeignet
zum erneuten Erwerb der Schriftsprache erschien mir „Anagramm“,
ein anspruchsvolles Programm, in dem mit zunehmendem
Schwierigkeitsgrad alle Buchstaben und
Buchstabenkombinationen des Alphabets wieder neu erlernt
werden.
Am
26. 4. 2006 begannen wir mit dem ersten Kapitel,
in dem die Grapheme T, H, A, U eingeführt wurden.
Herr
Distler sollte aus den Buchstaben in der richtigen
Reihenfolge Wörter legen, die in einen Satz einzufügen
waren wie etwa „Die Frau hat einen bunten HUT“, oder
es sollten Lückensätze mit vorgegebenen Wörtern gefüllt
oder kleine Kreuzworträtsel gelöst werden. Es
schlossen sich Leseübungen und ein Schreiben nach
Diktat von Lauten und Wörtern an.
Um
die bearbeiteten Buchstaben besser im Gedächtnis zu
verankern, legten wir so genannte Anlauttabellen an.
Herr Distler sollte mit den einzelnen Buchstaben
bestimmte Gegenstände verbinden wie etwa A für Apfel,
H für Hut. Dazu verwendeten wir schulübliche
Anlauttabellen und zum Teil private Merkwörter wie etwa
D für Distler etc. In
der Therapie verwendete ich Magnetbuchstaben, die Herr
Distler heraussuchen und zuordnen sollte, zu Hause
benutze er große Holzbuchstaben.
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| 28.05.2008 |
| Therapie
1 |
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Um
eine Vorstellung des zeitlichen Rahmens zu gewinnen, die
Erarbeitung von vier bis 5 Buchstaben pro Kapitel
dauerte etwa 3 Wochen. Die in der Therapie erarbeiteten
Buchstaben sollten zu Hause in kleinen Übungen
gefestigt werden. Ich konnte Herrn Distler nie genug „Hausaufgaben“
mitgeben, stets war alles gründlich und schnell
erledigt und darüber hinaus Fleißaufgaben gemacht.
Gern
nutzte Herr Distler noch den kleinsten Platz, um
beispielsweise eine ganze DIN A 4 Seite mit kleinen
A’s oder H’s zu füllen.
Aufgelockert
wurden die 45 Minuten Therapie durch interessante
Gespräche.
Stets ließ mich Herr Distler teil haben, an neuen
Erfahrungen und Erkenntnissen über sein Erleben der
Sprache, der Buchstaben, der Zahlen, des
Gedächtnisses…und ich war fasziniert von der
beinahe kindlichen Freude, mit der Herr Distler die
Schriftsprache
neu für sich entdeckte, ohne einmal mit seinem Schicksal zu hadern,
Unmut zu äußern oder den Gedanken an ein Aufgeben
aufkommen zu lassen.
Das
geschieht bei meiner Arbeit als Logopädin häufiger,
dass Patienten sich aufgeben und über ihrem erlittenen
Verlust der vollen Sprachfunktionen depressiv werden und
sich in ihr Schicksal ergeben. Die mir dann obliegende
Aufgabe, dem Patienten wieder Mut zu machen, ihn oder
sie in seinen oder ihren verbliebenen Fähigkeiten zu
bestärken, brauchte ich bei Herrn Distler nicht wahr zu
nehmen.
Vermutlich
gab es diese Phasen bei ihm auch, aber er ließ sie nie
die Oberhand gewinnen und so war es für mich immer eine
große Freude, Herrn Distler beim „Wachsen“ seiner
sprachlichen Fähigkeiten zu begleiten.
Ich
bewunderte und bewundere die Kraft und den Willen
seinerseits, gesetzte Ziele zu erreichen und der
Arbeitsaufwand war enorm!
Für
den Erwerb neuer Buchstaben unermüdlich täglich für
Stunden am Schreibtisch zu sitzen, das setzt einen sehr
starken Willen voraus und ist für jemanden, der das
alles ohne Nachdenken beherrscht, kaum wirklich
vorstellbar.
Im
Laufe der kommenden Monate kamen immer mehr Buchstaben
dazu, bis das ganze Alphabet erarbeitet war.
Der
Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben wurde dabei
immer höher und anspruchsvoller. Es mussten etwa mit
den erlernten Buchstaben Silbenrätsel gelöst werden,
oder in Texten Buchstaben ergänzt werden. Geheimcodes
mussten im Text erkannt werden wie etwa L und N für J
und Q ersetzen, oder Texte entziffern, in denen die Lücken
zwischen den Wörtern und Sätzen fehlen, oder in einem
Wort versteckte Worte entdecken wie etwa das Wort
„arm“ in „Schwarm“ oder „Achse“ in „Erwachsener“…
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| 30.05.2008 |
| Therapie
2 |
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Parallel
zum Übungsprogramm wurden Gedächtnisübungen durchgeführt
(nicht ganz so viel wie eigentlich notwendig gewesen wäre,
da er Ergotherapie erhielt und sich für zu Hause ein
entsprechendes Computerprogramm besorgt hatte), zur
Auflockerung mal Memory gespielt, oder
Wortfindungsaufgaben gemacht, wie
passende Ober- bzw. Unterbegriffe finden.
So
sollte Herr Distler etwa zum Begriff „Insekt“ alle möglichen
Tiere finden. Dabei erfuhr ich dann so ganz nebenbei,
dass Herr Distler auch Biologie studiert hatte.
Im
Laufe der Zeit nahmen Herrn Distlers Lese- und Schreibfähigkeiten
enorm zu. Musste er anfangs einzelne Wörter noch mühsam
erlesen, gelang ihm dies nach einigen Monaten zunehmend
problemloser und auch beim Schreiben musste er immer
weniger Inne halten, um erst einzelne Wörter, dann
ganze Sätze flüssig herunter zu schreiben.
Ende
des Jahres kündigte Herr Distler an, die Therapie bald
beenden zu wollen. Um einen „objektiven“ Beweis
seiner Fortschritte schwarz auf weiß vor mir zu haben,
führte ich zum Abschluss noch einmal den Aachener
Aphasietest mit ihm durch.
Die
Ergebnisse waren beeindruckend: In allen sprachlichen
Bereichen hatte er sich verbessert, und vor allem bei
der Schriftsprache und beim Sprachverständnis war er
von der mittleren Störung zur minimalen bis keine Störung
„aufgestiegen“.
Ganz
sicher hatte er nicht den sprachlichen Stand von vor dem
Schlaganfall erreicht, aber er war in der Lage, sich adäquat
auszudrücken und das war und ist ein tolles Ergebnis!
Mit
einem kleinen Bedauern beendete ich mit der Sitzung am
17.1.2007 die Therapie. Mit einem Bedauern deshalb, weil
mir die Zusammenarbeit stets viel Spaß gemacht hatte
und ich für mich selbst in unseren Gesprächen viele
neue Anregungen zur Sicht auf das Leben erhalten hatte.
Vor allem die positive Sicht vom Leben werde ich nicht
vergessen und sie wird mich stets begleiten,
wenn es mir mal nicht gut gehen sollte…
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